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Emily Brontë - Wuthering Heights

Penguin Group
Leidenschaft ist gefährlich. Entweder entpuppt sich die Liebe des Lebens bei geglückter Beziehung eher als Klotz am Bein, sodass man nur noch weg möchte, oder es kommt erst gar nicht zur Vereinigung zweier Liebender.

Ein typisches Thema der Literatur sämtlicher Epochen, von Ovids Metamorphosen bis zu dem Klassiker Romeo and Juliet, die alle mit dem ganz dramatischen Tod der unglücklich Verliebten enden. Ein weiterer Klassiker, der diese Struktur jedoch... etwas abändert, ist der bemerkenswerte viktorianische Roman Wuthering Heights der britischen Autorin Emily Brontë, erstmals 1847 unter heftiger Kritik erschienen...

Bereits die Handlungsstruktur ist für den Roman dieser Zeit, der immer noch in weiten Teilen den Idealen Jane Austens zu folgen scheint, ungewohnt: die Rahmenhandlung bildet ein junger Intellektueller namens Lockwood, der 1801 aus London flieht, um in der Einsamkeit Yorkshires seiner Misanthropie und seinen Studien nachzugehen. Der Text beginnt mit seinem Bericht von einem Besuch bei seinem Vermieter Mr. Heathcliff, von dem er das Anwesen Thrushcross Grange gepachtet hatte. Von dessen kalter und harter Art beeindruckt, gleichzeitig jedoch eingeschüchtert, bittet Lockwood die Haushälterin Nelly, ihm die Geschichte Heathcliffs und seines Anwesens, dem verfallenden und titelgebenden Wuthering Heights zu erzählen.
Nun erzählt sie ihm die Geschichte der Familie Earnshaw, die Wuthering Heights einst bewirtschaftet hatte. Das Familienoberhaupt der Earnshaws bringt von einer Geschäftsreise nach Liverpool das Waisenkind Heathcliff mit, welches er halb verhungert auf der Straße gefunden hatte. Aufgrund seiner niederen Herkunft und Earnshaws Liebe zu dem Findelkind wird Heathcliff von seinen Stiefgeschwistern Hindley und Catherine zunächst vollständig abgelehnt, doch bildet sich zwischen Heathcliff und Catherine zunehmend eine tiefe Freundschaft, da beide im jeweils anderen die eigene Seele zu entdecken glauben: die beiden sind wild, ungestüm und fordernd in ihrem Verhalten, was aus der Freundschaft schließlich Liebe werden lässt, der Catherine jedoch nicht nachgeben kann, da eine Heirat mit Heathcliff ihren gesellschaftlichen Stand mindern würde.

Als Heathcliff dies erfährt, verlässt er das Anwesen und bleibt für mehr als drei Jahre, in denen Catherine den Konkurrenten Edgar Linton heiratet, verschwunden, ehe er als reicher Mann wiederkehrt. Er setzt Catherine, die mittlerweile auf Lintons Anwesen Thrushcross Grange lebt, mit seinem zudringlichen Verhalten immer mehr zu, sodass sie schließlich bei der Geburt ihres Kindes stirbt - zuvor hatte Heathcliff ausschließlich aus Rache die Schwester von Catherine, Isabella, geheiratet und sie wie den letzten Dreck behandelt. So entwickelt sich die Geschichte immer weiter bis zu ihrem unvermeidlichen Ende, an dem der erste Ich-Erzähler Lockwood schließlich, am Rückweg nach London, an den Gräbern der drei eigentlichen Protagonisten steht und der Stille des ihn umgebenden Moores lauscht.

Was diesen Handlungsverlauf von so vielen anderen Tragödien abhebt und auch Grund für die heftige Kritik seitens des viktorianischen Bürgertums war, ist die Undurchsichtigkeit, oder besser gesagt: die realistische Zeichnung der handelnden Personen: als Leser ist man sich nie sicher, wie man zu einem bestimmten Charakter stehen soll, so ist Heathcliff im ersten Teil des Romans ein geplagter Liebhaber, der vergeblich um seine Liebe kämpft und somit wirkliches Mitleid des Publikums hervorruft, bevor er spätestens mit Catherines Tod zu einem kalten, rachsüchtigen, empathielosen Despoten wird, der seinen Stiefbruder absichtlich in den Ruin treibt, um sich Wuthering Heights unter den Nagel zu reißen und Catherines Tochter mit seinem kranken Sohn vermählen will, um sie seelisch zu quälen und an Thrushcross Grange zu kommen. Zum Schluss erlebt der Leser wiederum einen sehr in sich gekehrten, zur Ruhe gekommenen Heathcliff, der eigentlich als sehr neutraler Charakter im Frieden mit sich selbst steht - bis er Visionen von seiner einstigen Liebe hat, die ihn in den Zustand totaler Ekstase versetzen, in dem er schließlich in Catherines ehemaligem Zimmer stirbt. Auch die scheinbar gequälten Charaktere (etwa Catherines Tochter Cathy oder der Stiefbruder Hindley) werden im Verlauf des Textes mal sympathischer, mal zutiefst verabscheuungswürdig; so ist Cathy eigentlich ein total naives, uneinsichtiges, stures und abgehobenes Gör, das jedoch durch Heathcliffs böse Pläne zu einer Mitleidsträgerin mutiert, bevor sie am Schluss zu einer der wenigen glücklichen Personen des Romans wird, vor der Heirat mit ihrem Cousin Hareton (ebenfalls von Heathcliff gequält) stehend, der ihr zuliebe sogar das Lesen und Schreiben lernt.

Es ist dies ein wirklich bemerkenswertes Stück englischer Literatur, das verwendete Englisch weckt Assoziationen mit Shakespeare, während der Handlungsaufbau mit den ständig wechselnden Erzählern (auch in Nellys Bericht kommen immer wieder Charaktere wie Heathcliff selbst länger zu Wort, um zu erzählen) bereits auf die Moderne mit ihren Döblins und Joyces vorausblickt. Die komplexe Handlungsstruktur gemeinsam mit den sehr atypischen Figuren, die eigentlich mit jedem Kapitel anders auf den Leser wirken, macht natürlich eine Umsetzung des Stoffes sehr schwierig: die berühmteste, die mich auf den Roman gebracht hat, ist wohl der gleichnamige Kate-Bush-Song Wuthering Heights aus ihrem Debutalbum The Kick Inside, welches Heathcliffs Visionen von Catherines Geist, der ihn um Einlass auf Wuthering Heights, dem Ort ihrer Kindheit, bittet, beschreibt: I've come home, I'm so cold, let me in through your window. Und auch, wenn das Stück bei weitem nicht mein Lieblingssong von Kate Bush ist (der Titel geht zweifellos an das Quasi-Ulysses-Zitat The Sensual World), so ist die Umsetzung um einiges gelungener als in den meisten anderen Varianten: der Hollywood-Film aus den Dreißigern endet etwa mit dem Himmelsritt von Heathcliff und Catherine, die andere Hollywood-Version aus den 90ern hat einfach ein furchtbares Drehbuch, usw., usw. Es empfiehlt sich also wirklich, einfach den Roman zu lesen, und zwar auf Englisch, denn die deutschen Übersetzungen, die von Der Sturmheidhof bis zu Sturmumwetterte Höhen reichen und den Anschein eines Bastei-Groschenromans machen, sind allesamt bestenfalls Mittelmaß (ich habe lang dafür recherchiert, es ist wirklich schrecklich!). Die Passion in der Sprache, die Bedeutung, die die Autorin den wildesten Leidenschaften gab (grief, love und hate sind die primären Begriffe des Textes) und die unwahrscheinlich Charaktertiefe machen Wuthering Heights zu einem ungewöhnlichen Vertreter der britischen Literatur jener Zeit, und obgleich die Schilderungen des Moores und der Figuren in ihrer Melancholie eindeutig der Romantik verhaftet sind, liest sich der Text immer noch frisch und überaus fesselnd - was ich, ehrlich gesagt, nach Hören des Liedes, mit dem ich immer noch so meine Probleme habe, nicht unbedingt erwartet hätte, weshalb ich das Buch, welches inzwischen großteils als Klassiker angesehen wird, bedenkenlos weiterempfehlen kann. Man sollte im Idealfall des Englischen mächtig und nicht depressiv veranlagt sein, denn Wuthering Heights ist nicht der leichte, Heile-Welt-Stoff, aus dem die Seifenopern sind.

I'm coming back, love/Cruel Heathcliff, my one dream, my only master... 

Kommentare

  1. Nothing left to say...

    Danke lieber Maximilian, dein Text ist einfach großartig! Was für ein Glück ich habe: könnte ich vielleicht gefahrlos lesen...unromantisch veranlagt sollte eine Hilfe darstellen ;-)

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